23 Stunden und 56 Minuten Physikunterricht
Freitag Abend um 18:00 soll alles beginnen. Die Aufbauarbeiten laufen jedoch schon eine Stunde früher an. Der Klassenarbeitsraum unserer Schule wird leer geräumt, keine Stühle, keine Tische, nur die Tafeln sind noch drin. Die Klassenzimmer nebenan werden zu einem Schlafraum, für die, die nicht durchhalten, und einem Essraum umfunktioniert.
Martin Kramer ist auch mein Physiklehrer in der 11. Klasse. Irgendwie komme ich mir vor, als hätte ich die letzten Jahre nie Physik gehabt - vor den Arbeiten bei ihm musste ich kaum etwas lernen, weil ich alles verstanden hatte und habe eine 1- in der ersten Arbeit dieses Jahr geschrieben.
In der zehnten Klasse hatte ich eine fünf, in der achten eine vier.
Der Schulmarathon wird exakt 23 Stunden und 56 Minuten dauern. Dabei besteht jede volle Stunde aus 50 Minuten Unterricht und 10 Minuten Pause.
Das mag alles sehr trocken klingen und wer sich unter dem, wie der Unterricht ablief, den Unterricht, den jeder Andere Deutsche kennt vorstellt, irrt sich gewaltig. Schon im Infoblatt, das Martin Kramer, unser Physiklehrer, uns ausgegeben hat, wird beschrieben was uns erwartet: "Die Veranstaltung soll kein abrufbares Wissen vermitteln, sondern eine Erfahrung ermöglichen. Im besten Falle eine Reise in die Welt des Denkens, des Fühlens und des Handelns. (...)"
Kurz wird es als "Naturphänomene für die Oberstufe" beschrieben. Das trifft es nicht ganz, wenn man einmal Naturphänomene hatte.
In den nächsten Stunden konstruieren wir in Gruppen Möglichkeiten, ein Ei aus rund zehn Metern Höhe unbeschadet fallen zu lassen und haben eine Menge Spaß, als wir dann unsere Ergebnisse fallen lassen; wir diskutieren darüber, ob wir unsere Kinder selbst an unsere (staatliche) Schule geben würde oder nicht; ob Mathematikunterricht sinnvoll ist; wir lösen die klassischen Streichholzaufgaben, experimentieren mit Unendlichkeit, werden mit verbundenen Augen durch einen von Kramer gebauten "Irrgarten" laufen und hinterher den Plan für selbigen aufzeichnen müssen. Wir werden aber auch Themen wie "Atmung und innere Meditation" behandeln, Wahrnehmungen und Sinnestäuschungen erleben, und uns vor allem mit unserer Gruppe beschäftigen. Welche Macht hat eine Gruppe? Wie kann diese Macht positiv, aber auch negativ genutzt werden?
Als am Samstag um 17.56 Uhr alles endet, blickt man traurig zurück und würde am liebsten - wenn die Müdigkeit nicht wäre - weitere 23 Stunden und 56 Minuten Unterricht haben.
Es ist schwer zu erklären, was einen diese 23 Stunden und 56 Minuten wach hält, warum man dabei bleiben will, was die Faszination ausmacht. Es ist ein Gefühl, dass entstanden ist, und die Neugier nach Wissen.
Viele von uns wollen nach der Veranstaltung ein anderes Schulsystem. Ein Schulsystem, bei dem man nicht lernt, um zu studieren, um den und den Abschluss, die und die Note zu bekommen, ein Schulsystem, bei dem man in Noten gezwängt wird. In dem man nicht für Arbeiten alles auswendig lernt, in dem die Lehrer sich nicht darum kümmert, ob man auch versteht was da gerade abläuft oder nicht.
Sondern ein Schulsystem, in dem wir etwas lernen, weil wir etwas lernen wollen, auch in Fächern, die uns im normalen Schulsystem überhaupt nicht liegen, und uns eigentlich gar nicht interessieren. In dem wir fast von selbst lernen - weil wir den Stoff verstehen. Eine Schule, die freies Denken und Persönlichkeiten fördert, anstatt sie in Normen zu quetschen.
1 Kommentar:
Ich glaube, ich spreche meine Physiklehrer mal darauf an.
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