Eingangsthese:
Unpolitisch gibt es nicht. Auch wenn es euch nicht passt, aber alles was man tut ist Politik.
Ich werde immer wieder gefragt, warum ich mich denn in meinem Alter für Politik interessiere und meine Zeit damit verbringe, auf Informationsportalen zu lesen und zu schreiben, weiterzudenken und hier überhaupt zu bloggen (auch wenn das in letzter Zeit etwas eingerostet ist. Bin so unkreativ, sorry.).
Auch ich zweifelte zwischendurch am Sinn dieser Aktivitäten. Inzwischen bin ich eigentlich eher davon überzeugt, dass ich viel zu wenig tue, wenn ich mir ansehe, wie sich andere Menschen organisieren und was sie tun. Diese Welt ist im Wandel und ich bin nur ein kleines Rad im Getriebe, zweifelos. Doch wenn viele Rädchen blockieren, muss Veränderung geschehen, auch wenn es in der Weltgeschichte bisher eher selten war, dass eine Revolution wirklich Erfolge brachte. Sicher ist nur eines:
So geht es nicht. Die Welt befindet sich Momentan auf dem Weg in den tiefsten Abgrund. Egal welche Apskete man betrachtet, sei es Menschlichkeit, Globalisierung, Wirtschaft, Umweltschutz oder interkulturelles Verständnis, alles erinnert mich an einen Fallschirmspringer, der seinen Fallschirm im Flugzeug vergaß.
Die Frage ist:
Wie konnte es so weit kommen?Sie ist relativ einfach zu beantworten:
Durch einen etablierten hohen Lebensstandart in den weltbeherrschenden "1. Welt" Ländern ist der Durchschnittsmensch dort alles andere als das, was Kant noch aufgeklärt nannte. Er vergaß zu denken und gab sein politisches Potential aus der Hand. Es gibt keine Sternmärsche mehr, keine Demonstrationen, kein Engagement, man vertraut dem Staat und geht vorsichtshalber mal nicht wählen. Man konsumiert ohne zu denken, verbraucht ohne zu denken und leistet sich Luxus ohne zu denken.
Die Menschen auf deren Rücken das ganze aufbaut, nämlich der dritten Welt, die können sich nicht wehren. Festung Europa riegelt sich hermetisch ab, um das Gewissen zu beruhigen gibt es
"einen Tropfen in die Wüste, ein paar Krümel vor die Füße und von hier schöne Grüße", wie es but Alive mal so treffend ausdrückten. Diese Menschen haben nur einen Luxus, den wir hier nicht haben:
Sie haben keine Entscheidungsfreiheit und tragen von daher auch nicht die Schuld für die weitere Entwicklung dieses Planeten und ihrer Lebensumstände. Sie haben kein politisches Potential, sie müssen sich erstmal um ihren eigenen Arsch kümmern.
Warum ist das Luxus? Ist man denn nicht froh, wenn man entscheiden kann, was man will?
Natürlich ist man das. Solange es um Tapetenfarben oder ein neues Auto geht. Ansonsten gehen 40% der Menschen hier ihre Meinungsfreiheit oder ihr politisches Potential am Arsch vorbei. Darum bewegt sich hier nichts mehr, darum sinkt die Anteilnahme an Demonstrationen, darum steigen die Zahlen der Nichtwähler, darum scheitern Boykottversuche wie bei den Studiengebühren. Weil man eben tut, was man tun soll und mit dem geringsten Widerstand ein entscheidungsfreies Leben führt.
Was hat das jetzt mit der Eingangsthese zu tun?Ist es nicht offensichtlich?Auch wenn du dich um Politik nicht scherst und Menschen mal machen lässt, "die da Ahnung von haben", machst du indirekte Politik. Und zwar in jedemfall (subjektiv) falsche!
Du gibst deine Entscheidungsgewalt an andere weiter, du zeigst deinen Unwillen, etwas zu tun, du demonstrierst deine Akzeptanz des Status quo und dem, was die Politik daraus macht. Du hoffst, das mal alles gut gehen wird und wartest erst auf das Verbot der Glühbirnen, bis du dir Energiesparlampen kaufst. Politisches Engagement hört bei dir
scheinbar bei dem BILD-Zeitungsaufkleber auf.
Scheinbar.De facto tust du einiges mehr an Politik ohne es zu bemerken oder es wirklich zu wollen.
Du kaufst dir Coke, weils dir eben schmeckt. Dabei denkst du nicht drüber nach, was Coca Cola Company in Indien anrichtet, wo sie 20l Grundwasser abpumpen, um einen Liter Cola herzustellen. Wen hast du gerade noch einmal mit 1.50€ unterstützt?...
Du nimmst dir lieber den großen Wagen anstatt dem kleinen, wegen der Ledersitze und dem erhöhten Straßenstand, und natürlich weil er so laut ist und was hermacht bei Freunden. Dabei übersiehst du, dass das Ding 12 Liter auf 100km verbraucht und die Reserven langsam knapp werden. Indirekt unterstützt du dabei sogar Länder wie den Irak, Russland und Amerika in ihrer Politik.
Ein etwas komplizierteres Beispiel:
Stell dir vor, es ist Bundestagswahl. Du hast keine Ahnung und wählst deswegen nicht. Mit dir machen das hundert andere auch nicht, und das in einem Wahlbezirk von 200 Leuten. In dem hat es auch noch 5 NPD-Anhänger.
Wenn alle 200 Leute wählen würden, so würde die NPD in deinem Bezirk nur 2,5 Prozent bekommen und damit die 5 Prozent Hürde nicht packen.
Durch die hundert Nichtwähler verkleinert sich der Personenkreis der Wähler auf nurnoch einhundert. Die 5 NPD-Stammwähler werden deshalb nicht weniger und gewinnen dadurch einen prozentual höheren Anteil, nämlich eben 5 Prozent, also das doppelte.
Versteht ihr, worauf soetwas hinausläuft? Ihr macht unterbewusst Politik, egal was ihr tut. Ein Euro ist eine Solidarisierung, eine Enthaltung ein Votum.
Schlussfolgerung:Dein ganzes Leben ist Politik. Von Alpha bis Omega. Dein Leben wird immer Politik sein.
Nutze diese Macht. Weise.